Nazaré – großes Herzklopfen, Riesenwellen


Wenn du Nazaré besuchen willst, dann steht dir in jedem Fall der Mund offen, denn Nazaré bietet viele Wunder: Unglaublich gutes Essen oder die unglaublichen Riesenwellen, die so genannten Big Waves. Aber, Big Waves in Europa? Wer Nazaré noch nie gehört hat, denkt sicherlich zunächst einmal an die Heilige Stadt in Jerusalem. Aber nein, Nazaré verdankt seinen Namen zwar seiner Schwesterstadt, liegt aber an der portugiesischen Atlantikküste und ist wahrscheinlich auch nur halb so heilig.

Die berühmten Big Waves in Nazaré Copyright: Vitor Estelinha - Nazaré qualifica praia do norte / Município Nazaré

Die berühmten Big Waves in Nazaré
Copyright: Vitor Estelinha – Nazaré qualifica praia do norte / Município Nazaré

Vor allem in der internationalen Surfer-Szene ist Nazaré bekannt und zwischen November und April möchten viele Portugal-Reisende ein ganz spezielles Spektakel nicht missen: die Big Waves in Sítio, dem Felsmassiv vor Nazaré, zu dessen berühmten Aussichtspunkt auch ich gelangen will, am besten mit dem dafür vorgesehen Acensor, dem Aufzug, der direkt nach oben fährt.

Der Acensor führt von Nazaré direkt hoch nach Sítio auf dem Felsmassiv @Juliana Ferres

Der Acensor führt von Nazaré direkt hoch nach Sítio auf dem Felsmassiv
@Juliana Ferres

Auf dem Weg vom Aufzug in Richtung Wellenspektakel komme ich auch gleich am Heiligen Platz der Maria von Nazareth vorbei, zu dessen Ehre eine Kirche und der Palast der ehemaligen Könige Portugals errichtet worden ist. Ich kann aber unmöglich Sightseeing betreiben, wenn ich weiß, dass nur noch 300 Meter weiter die höchsten Wellen Europas und mitunter sogar der ganzen Welt auf mich warten! Ich laufe also weiter in Richtung Felsmassiv und schieße nur noch schnell zwei Fotos von diesem fabelhaften Ausblick der blauen Unendlichkeit und Nazaré, mit seinem (an schöneren Tagen wie diesen besser besuchten) Strand. Eine Gruppe Seemöwen und zwei, drei nicht unterzukriegende Fischer sind an diesem Tage die einzigen Strandbesucher, die ich erblicke.

Ich nähere mich der Küste und von weitem höre ich das Rauschen des Wassers. Etwas bergab geht es direkt auf den Leuchtturm zu, dessen Platzierung für die Begutachtung der Wellen nicht hätte besser ausgewählt sein können. Und dann bietet sich mir ein ungeheures Naturschauspiel: Riesige Wellen von bis zu 30 Metern Höhe türmen sich  genau vor dem Fels auf und scheinen aus der unendlichen Weite zu entspringen. Natürlich bin ich nicht die einzige, die sich an den Rand der Brüstung stellt, um möglichst noch mehr von diesem Naturwunder erhaschen zu können. Ich bin eine von vielen Schaulustigen, denn nirgendwo auf der Welt kann man eine derart große Welle so nah betrachten wie hier.

Wettkämpfe und Meisterschaften finden immer zwischen November und April statt Copyright: Vitor Estrelinha - Nazaré qualifica Cotty 2014 / Município Nazaré

Wettkämpfe und Meisterschaften finden immer zwischen November und April statt
Copyright: Vitor Estrelinha – Nazaré qualifica Cotty 2014 / Município Nazaré

Viele internationale Surfgrößen kämpften sich hier schon durch die Wassermassen, Meisterschaften werden hier regelmäßig ausgetragen und Surflegenden wie Garret McNamara haben hier schon ihre Big Wave “erlegt”. Schon beim Zuschauen spürt man aber auch schon ihre Gefährlichkeit. Im Jahr 2013 kam die brasilianische Surferin Maya Gabeira bei einer Meisterschaft fast ums Leben, nachdem sie durch den Druck der Welle nicht schnell genug Auftauchen konnte. Bewusstlos, aber noch rechtzeitig, wurde sie aus dem Wasser gefischt. Gerade einmal ein oder zwei Tage vorher wird immer entschieden, ob ein offizieller Wettkampf oder eine Meisterschaft stattfinden wird, denn das Meer ist unberechenbar und Faktoren wie Wetter und Strömung sind ausschlaggebend für die perfekte Welle.

 Nicht ungefährlich für die Surfer, aber nur Profis können diese Wellen reiten Copyright: Jorge Leal - Municipio da Nazaré - Nazaré qualifica 2013


Nicht ungefährlich für die Surfer. Nur Profis können diese Wellen reiten
Copyright: Jorge Leal – Municipio da Nazaré – Nazaré qualifica 2013 / Município Nazaré

Von weitem sieht man schon, wie eine Welle nach der anderen bedrohlich aufsteigt – scheinbar in Zeitlupe. Sie türmt sich immer weiter auf, bis sie mir ganz nah erscheint und für einen kurzen Moment ein mulmiges Gefühl mein Herz zum Klopfen bringt. Ich spüre regelrecht die ebenso aufsteigende Spannung bei den anderen Zuschauern, die allesamt versuchen, den immer wiederkehrenden starken Windböen auszuweichen. Ich bin sehr dankbar, dass ich mich oben am Aussichtspunkt in Sicherheit weiß. Ohne den Felsvorsprung von Sítio würde es Nazaré vor lauter Tsunamis wohl gar nicht mehr geben. Und in diesem Moment fällt mir die Figur der Heiligen Maria von Nazareth wieder ein. Diese Holzfigur wurde viele Jahrhunderte lang in der steilen Felswand von Nazaré versteckt, so erzählt die Legende. Bevor die muslimischen Mauren Portugal eroberten, soll der letzte christliche König sie dort in Sicherheit gebracht haben. Die Statue steht heute in der Kirche von Sítio, in der bereits der portugiesische Eroberer Vasco da Gama in Gebeten versunken sein soll. Eine Big Wave mit heiligem Seelenbeistand also, mehr Emotion geht nicht, denke ich mir.

Dann bricht die Welle mit einem tosenden Rauschen und starker Gischt, sodass alles nur noch so spritzt. Ein paar Spritzer bekommt man sicherlich auch mal mit, und dadurch werde ich selbst auch ein Teil dieses ganzen atemberaubenden Szenarios. Zum Glück endet die Welle teilweise mit ihrem bedrohlichen Aufprall an die Felswand, von der nicht weit davon irgendwo in der Meerestiefe ein altes deutsches U-Boot aus dem zweiten Weltkrieg vor sich hin wippt.

Ein kühler Wind und feuchte Luft umgeben die Atmosphäre des Bestaunens und in diesem Moment scheint ein braves Meer in Nazaré im Sommer, an dem man im Bikini im Sonnenschein spazieren kann, richtig irreal. Der andere Teil der Welle wuchtet sich in Richtung Strand, bis die Anhöhe des Strandes es zur Rückkehr zwingt. Und schon halte ich wieder Ausschau auf die nächste Big Wave, ob diese wohl noch größer wird? Ich habe längst begriffen, dass Nazaré eigentlich kein Geheimtipp mehr ist. Ein Sich-satt-sehen kann ich bei den anderen und auch bei mir nicht feststellen, doch der starke Wind zwingt mich, langsam den Rückweg anzutreten.

Während ich mit dem Acensor (Aufzug) wieder nach Nazaré hinunterfahre, bin ich noch immer benommen von dem imposanten Eindruck, den die Big Waves in mir hinterlassen haben. Dass es so etwas in Europa gibt, hätte ich mir vorher nicht träumen lassen. Unten angekommen, schlängele ich mich durch die Straßen von Nazaré in Richtung Strand, die in diesen Monaten noch wie ausgestorben wirken.

Wie so viele Städtchen am Meer, ist auch Nazaré voll und ganz dem Willen und Treiben des Ozeans ausgesetzt. Dies erkenne ich sofort, als ich Polizei und Krankenwägen in Richtung Hafen fahren sehe. Von Weitem höre ich die Sirenen eines Schiffes, das durch die zu starken Strömungen nicht in den Hafen einfahren kann. Der Hafeneingang ist doch groß genug, wundere ich mich dabei. Der Schein trügt, und so fahren kleine Motorboote zur Hilfe heran, um, falls das Schiff kentert, die Passagiere sofort bergen zu können.

Starke Strömungen - Nur mit Mühe schafft es dieses Boot sicher in den Hafen

Starke Strömungen – Nur mit Mühe schafft es dieses Boot sicher in den Hafen

Was für ein Geschehen und schon wieder sehe ich Schaulustige an der Promenade, die durch diese Aktion gebannt aufs Meer hinaus schauen, mich eingeschlossen. So etwas sieht man selten, doch nach etwa einer Viertelstunde schafft es das Boot alleine in den Hafen.

Aufgewühlt kehre ich in ein spontan ausgewähltes Fischrestaurant ein, das mir so unglaublich gute Meeresfrüchte mit Koriander serviert, dass es mir wieder ganz wohlig ums Herz wird.

Meeresfrüchte mit Koriander - Eine Delikatesse @Juliana Ferres

Meeresfrüchte mit Koriander – Eine Delikatesse
@Juliana Ferres

 

Nazarenos - Die Schwester vom Pastel de Nata @Juliana Ferres

Nazarenos – Die Schwester vom Pastel de Nata
@Juliana Ferres

Und mein Nachtisch ist noch ein kleiner Geheimtipp, der sicherlich auch eure Herzen nochmal zum Hüpfen bringen wird: die kleinen gezuckerten Nazarenos, die es überall beim Bäcker gibt und den Namen ihrer Heimat verlautbaren, sind ein Muss. Anders als ihre Schwester Pastel de Nata, enthalten sie keine Cremefüllung und bestehen aus schlichtem Blätterteig mit Vanillegeschmack. Sie erinnern mich auch gleich wieder an süße Sommermonate am Strand von Nazaré, an denen das Meer genauso unschuldig ist wie dieses gepuderte Gaumenglück.

Author: Juliana Feres

Als Ethnologin ist Juliana an allen kulturellen Neu- und Eigenheiten, Veränderungen und Überraschungen interessiert und erlebt diese am liebsten vor Ort. Deshalb verbindet sie so oft sie kann ihre Leidenschaft für`s Reisen mit der Offenheit und Neugier die Welt zu entdecken. Ihr Spezialgebiet ist das facettenreiche Europa. Ihre südländischen Wurzeln ziehen sie immer wieder für längere Zeit in wärmere Gefilde. Momentan erkundet und arbeitet Juliana in Portugal.

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